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Thanh Nguyên Phuong, Kommunikationsdesignerin und Gestalterin
der Publikation „Ehemalige treffen“

Y.A.: Ich habe Dich aus ganz bestimmten Gründen als Grafikerin für das Projekt angefragt. Du hast Dich im Rahmen Deines Diploms intensiv mit der Geschichte Deiner Eltern beschäftigt, die 1987 aus Vietnam in die DDR, genauer nach Werdau kamen. Sie arbeiteten dort in einer Textilfabrik. Du hast Dich mit den Eltern über deren Anfänge in der DDR unterhalten, über die sie bis dahin kaum sprachen. Zudem hast Du für einen geplanten Kurzfilm auch noch ein Ehepaar aus der ehemaligen DDR interviewt. Es entstand der Kurzfilm und das Webprojekt „Sorge 87“. Ich versprach mir von der Zusammenarbeit mit Dir neben der professionellen Gestaltung einen anregenden Austausch über Ansätze, Erfahrungen und verschiedene Perspektiven auf das Thema Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Vor allem interessierte mich Dein Blickwinkel als Person aus der nächsten Generation, die beginnt, sich auf ganz persönlicher Ebene mit dieser Geschichte zu beschäftigen. Ich habe mit den hier vertretenen Personen mehrere längere Interviews geführt. Wir sprachen auch immer gemeinsam die Textversionen durch, die schließlich in der Broschüre erscheinen sollen. Dabei fiel mir auf, dass einige Personen zuvor geschilderte Erlebnisse, die sie eher negativ empfanden, in der finalen Textversion beschwichtigender umformulieren oder gar nicht mehr erwähnen wollten. Eine Person musste anonymisiert werden, um nicht gefährdet zu werden. Da gab es für mich durchaus nachvollziehbare Bedenken. In kleinen Ortschaften kennen sich alle. Angst vor nachteiligen Konsequenzen wurde vereinzelt geäußert. Manchmal bekam ich das Gefühl, dass im Umgang mit der Geschichte des Herkunftsortes in der Generation unserer Eltern und Großeltern eher das Bedürfnis besteht, möglichst wenig in schlechtem Licht dastehen zu lassen. Vielleicht auch aufgrund einer als einseitig empfundenen Berichterstattung? Die Tochter eines ehemaligen Vertragsarbeiters aus Vietnam wiederum widmet sich dem Thema schon offen kritischer. Was sind Deine Eindrücke dazu?


T.N.P.: Ich denke auch, dass es oft erstmal um die Wahrung der eigenen Sicherheit geht. Viele Personen, mit denen ich gesprochen habe, wollen aber auch nicht die Verantwortung tragen, die Stimme für eine ganze Community zu sein. Aus meinen eigenen Rechercheerfahrungen heraus hat es eventuell mit der vietnamesischen Kultur zu tun, nicht zu viel in der Vergangenheit herumzuwühlen und eher positiv nach vorn zu schauen. Sicherlich ist das zudem eine Generationenfrage. Unseren Eltern fiel und fällt es verständlicher Weise schwerer, über persönlich erlebte traumatische Erlebnisse zu sprechen. Die Auseinandersetzung damit ist zum Teil schmerzhaft und nicht wirklich verarbeitet. Mir persönlich fiel es nicht leicht, mit meinen Eltern über diese Zeit zu reden. Wir Kinder der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen finden uns jetzt eher in diesen kritischen Diskursen wieder.

Y.A.: Es ist nicht einfach, von eigenen, teils intimen Erfahrungen zu berichten. Auch braucht es dazu ein besonderes Vertrauen in mich als die Person, die das veröffentlichen will. Ich fand es daher sehr schön und erstaunlich, wie sich die interviewten Personen mir sehr persönlich geöffnet haben. Leider konnte ich in diesem relativ kurzen Zeitraum und mitten im Corona-Lockdown dieses Vertrauen bei manchen Personen nicht so leicht gewinnen, die als Zeitzeuginnen besonders wichtig gewesen wären, weil sie von ihrer migrantischen Perspektive aus sprechen. Was sind deine Erfahrungen dazu?


T.N.P.: Die Sprachbarriere spielt meiner Meinung nach eine große Rolle. Personen, die kein fließendes Deutsch sprechen, können sich dementsprechend auch nicht so ausdrücken, wie sie es gern möchten. Bei meinen Eltern haben ich und meine Schwester die Gespräche darüber möglichst auf Vietnamesisch geführt und dann übersetzt. Die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen sind es auch nicht gewöhnt, dass sich jemand für ihre Geschichten interessiert. Noch weniger sind sie es gewöhnt, diese selbst zu erzählen. Die Medienerzählung geschieht nach wie vor oft aus einer weißen Perspektive. Das Thema ist in den letzten Jahren wieder etwas aktueller geworden, unter anderem durch Jahrestage wie „30 Jahre Mauerfall“. Es gibt wenige Menschen aus den entsprechenden Communitys, die in der Öffentlichkeit stehen und solche Themen setzen sowie eine Vorbildfunktion einnehmen. Viele Personen, mit denen ich gesprochen habe, empfinden ihre migrantische Perspektive selbst als nicht so relevant oder wollen nicht im schlechten Licht erscheinen.


Y.A.: Die Zeitzeug*innengespräche ergaben, dass die meisten Arbeiter*innen aus Kuba oder Mosambik etwa spätestens 1990 Rötha und Espenhain verließen und in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Die Kontakte brachen plötzlich ab. Die Gesprächspartner*innen erklärten sich das mit der damaligen Kommunikation, es gab ja weder Internet noch Mobilfunk. Diejenigen, die blieben, gingen wohl hauptsächlich weg aus den Kleinstädten und suchten Arbeit in anderen, größeren Städten. Während ihrer Anwesenheit schien es teilweise Kontakte gegeben zu haben, aber weniger privat. Ich fand vorerst konkret in Rötha und Espenhain bisher niemanden, der noch persönlichen Kontakt zu ehemaligen Vertragsarbeiter*innen aus Kuba oder Mosambik pflegt. Auch waren die Arbeiter*innen aus diesen Ländern wohl eher in ihren Arbeitsbrigaden unterwegs. Es gibt bis heute jedoch eine vietnamesische Community in der Region. Allerdings sind ihre Mitglieder nach Aussagen
verschiedener Gesprächspartner*innen vorwiegend unter sich geblieben. Gespräche mit ihnen konnten in diesem relativ kurzen Zeitraum bisher nicht ausführlicher realisiert werden. Die kontaktierten Personen reagierten auch eher zögerlich und skeptisch. Damit hast Du auch Erfahrungen gemacht. Was sind aus Deiner Sicht die Ursachen dafür?

T.N.P.: Die Ursachen dafür liegen bereits in der DDR-Politik. Es gab keinerlei Absichten, die Vertragsarbeiterinnen langfristig und ernsthaft zu integrieren. Die kontrollierte Trennung der Arbeiter*innen nach Geschlecht und Nationalitäten beim Wohnen beispielsweise hat dazu geführt, dass viele eher unter sich geblieben sind. Bei Partnerschaften
zwischen Vietnames*innen und DDR-bzw. später BRD-Bürger+innen hat sich das Verhältnis meist geöffnet. Dabei muss immer mitgedacht werden, dass die Entwicklung solcher Partnerschaften in der DDR eigentlich nicht toleriert wurde. Dazu kommen noch die gemachten Rassismuserfahrungen. Meine Eltern waren in einem Wohnblock mit anderen Vietnames*innen untergebracht. Dort haben wir als Familie schließlich bis 2007 gelebt. Ich bin dadurch in einer vietnamesischen Community aufgewachsen, was das Wohnumfeld betrifft. In der Schule hatte ich deutsche Freunde, aber die Freundeskreise haben sich nicht wirklich vermischt. Es gab so etwas wie eine verinnerlichte Scham für die eigene Community. Das führte dazu, die Freunde aus der vietnamesischen Community vor anderen eher zu verleugnen oder sich beim Elternabend zu schämen, weil meine Eltern nicht fließend Deutsch sprachen. Ich traute mich auch nicht, vor anderen Kindern Vietnamesisch zu sprechen. Ich habe mich erst relativ spät emanzipiert, was unter anderem mit meinem Schulwechsel von Werdau nach Zwickau zusammenhing, und später, als ich aus Sachsen weggezogen bin.

Y. A.: In der sehr lebhaften Erinnerungskultur von Rötha und Espenhain fehlen meinen Recherchen nach bisher weitgehend noch Verweise auf die ehemaligen Vertragsarbeiterinnen, die hier lebten und arbeiteten. Die Menschen, die vor Ort sind und diese Erinnerungskultur aktiv mitgestalten, setzen natürlich die Themen und speisen so all die Erfahrungen, das Wissen und dokumentarisches Material ein, was sie selbst besitzen und ihnen persönlich als bedeutend erscheint. Aufgrund der Nichtpräsenz der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen aus Kuba und Mosambik vor Ort etwa tauchen sie vielleicht auch nicht in den Erzählungen der Orte auf. Die Geschichte der Bewohner*innen, die ursprünglich aus Vietnam kamen, bis heute hier leben und auch Kinder haben, sind jedoch auch nicht erwähnt in der Geschichtsschreibung der Ortschaften. Wie erklärst Du Dir das? Worin siehst Du die Ursachen? Wie könnte das nachgeholt werden?


T.N.P.: Ja, ich empfinde es wie gesagt auch so, dass es da zu wenig Wertschätzung der eigenen Geschichte gibt. Das Umschlagen des Verhältnisses zu den vietnamesischen Vertragsarbeiter* innen ab 198915 hat sicherlich sehr dazu beigetragen, sich selbst nicht als erzählenswert zu sehen. Meine Eltern haben ein relativ nostalgisches Bild von der DDR. Ihnen wurde 1989 plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen.16 In meinen Schulen wurde Vertragsarbeit auch nicht thematisiert, weder was Regional- noch DDRGeschichte angeht. Das Bewusstsein für die Bedeutung migrantischer Perspektiven war und ist nicht so richtig da. Wir als Generation der Kinder von Vertragsarbeiterinnen sind erst jetzt in dem Alter, wo wir in bestimmten Funktionen und Positionen diese Themen selbst einbringen und stark machen können. Das Leben in Kleinstädten
in ländlichen Räumen spielt auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. In größeren Städten gibt es einfach mehr Menschen, politische Kreise, Diskurse, Vereine und Initiativen, die zu bestimmtenReflexionen oder konkreten Aktivitäten inspirieren. Durch meinen neuen Wohnort Berlin wurde ich schließlich noch mehr ermutigt, mich mit Themen wie Rassismus zu beschäftigen und mich mit meiner eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.
Ich habe 2017 mit Freund*innen einen Verein in Werdau gegründet. W.I.R. – das ist die Werdauer Initiative gegen Rassismus. 17 Wir engagieren uns für ein inklusives Zusammenleben in der Stadt Werdau.


15 Erinnert sei hier an die Pogrome u.a. in Hoyerswerda und Rostock 1991 und 1992 (Anmerkung der Redaktion).
16 Über Nacht wurden aus den in der DDR als fleißig gelobten Arbeitern aus sozialistischen Bruderländern die „Ausländer, die den Deutschen die Arbeit wegnehmen“ (Anmerkung der Redaktion).
17 Siehe unter: www.wir-lautstark.de